Unser Gehirn ist faul. Es strengt sich wirklich nur dann an, wenn du es dazu zwingst.
Das hat durchaus seinen evolutionären Zweck. Das einfache Denken hat uns dabei geholfen zu überleben: Tiger steht plötzlich vor mir – ich renne los – bin schneller als der Tiger (oder zumindest schneller als der andere Typ) – geschafft!
Heute flüchten wir weniger vor großen Miezekatzen. Aber die Angewohnheit, so viel wie möglich in einfach zu verstehende Schubladen zu verpacken, haben wir uns nicht abgewöhnt. Nur wenn wir unserem Gehirn wirklich in den Hintern treten, rafft es sich auch auf, um die Ecke zu denken. Daniel Kahnemann hat dies in seinem Klassiker „Schnelles Denken, langsames Denken“ wunderbar beschrieben.
Und du musst deinen Grips schon ordentlich in Schwung bringen, um das für mich am meisten unterschätzte Finanzphänomen aller Zeiten zu begreifen. Ob Albert Einstein es nun wirklich gesagt hat oder nicht – das Zitat, das ihm zugeschrieben wird, ist so treffend, dass es fast schon egal ist:
Der Zinseszins ist die größte Erfindung des menschlichen Geistes.
Wovon rede ich?
Vom Zinseszins!
Ich kann jetzt schon deine Enttäuschung spüren. Du hattest hier vielleicht etwas Spektakuläreres erwartet. Aber warte mal ab – am Ende des Artikels, nachdem ich dir von Petra und Martin berichtet habe, wirst du staunen.
Klären wir erst einmal kurz, was Zinseszinsen sind. Es ist eigentlich simpel: Zinsen auf Zinsen. Du bekommst auf deine 100 Euro Erspartes nach einem Jahr 5 Euro Zinsen. Im nächsten Jahr bekommst du auf die 100 Euro und auf die 5 Euro Zinsen. Und so weiter und so fort.
Die Formel dahinter ist nicht kompliziert: Endkapital = Startkapital × (1 + Zinssatz)^Jahre. Das ist alles. Aber dieses kleine „^“ – das Hochzeichen – das ist der ganze Unterschied.
Warum ist es dann so schwer, den Zinseszins zu verstehen? Weil er exponentielles Wachstum reflektiert. Wir Menschen sind dafür zu einfach gestrickt. Wir denken linear – und dann hört es meist auch schon auf. Um exponentielles Wachstum zu verstehen, muss sich unser Hirn richtig ins Zeug legen. Und das mögen wir halt nicht.
Lass mich die Magie des Zinseszinses mit Leben füllen. Genauer gesagt mit zwei Leben.
Zwei Freunde geben Gas
Petra und Martin sind zwei Freunde und kennen sich schon von Kindheit an. Beide gehen zusammen zur Schule, hängen mit den gleichen Leuten rum und rocken dann gemeinsam die Uni. Beide ziehen diese einigermaßen durch und landen den ersten Job mit 25 Jahren. Petra und Martin fangen endlich an, Kohle zu verdienen. Beide wissen, wie wichtig es ist, privat etwas zur Seite zu legen.
Petra legt gleich los. Sie ist Stammleserin vom Cash&Debit-Berater und weiß daher, dass günstige Indexfonds für sie das Richtige sind. Sie fängt sofort mit dem Sparen und Investieren an – monatlich 500 Euro.
Martin ist da etwas anderer Ansicht. Er will erst einmal ordentlich Gas geben und schiebt das Sparen auf. Genau genommen fängt er erst 10 Jahre später an – im Alter von 35 Jahren. Auch er spart 500 Euro monatlich und legt es in Indexfonds an.
Petra muss allerdings nach 10 Jahren, im Alter von 35, aufhören mit dem Sparen. Es gibt Probleme, und das Geld ist einfach nicht mehr übrig. Martin fängt zwar erst spät mit 35 an, zieht es aber dann durch und zahlt seine 500 Euro monatlich bis zur Rente mit 67 Jahren.
Beide schauen dann, wie viel sie bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahren angespart haben. Wir nehmen eine Rendite von 7% an – das ist ein langjähriger Durchschnitt am Aktienmarkt. Es gibt gute Jahre und schlechte Jahre, aber über 30, 40 Jahre gleicht sich das aus.
Zur Erinnerung:
- Petra hat nur 10 Jahre eingezahlt, von 25 bis 35. 500 Euro monatlich – macht insgesamt 60.000 Euro.
- Martin hat insgesamt 32 Jahre eingezahlt, von 35 bis 67. 500 Euro monatlich – macht insgesamt 198.000 Euro.
Erstaunlich!?
Was glaubst du, haben beide bis dahin angespart? Und wer, glaubst du, hat mehr?
Petra hat beim Eintritt ins Rentenalter satte 773.000 Euro auf dem Konto!
Martin hat dagegen „nur“ 707.000 Euro auf dem Konto. Nicht nur, dass beide aus ihren relativ kleinen Einzahlbeträgen ein Vermögen gemacht haben – 60.000 Euro werden zu 773.000 Euro, 198.000 Euro werden zu 707.000 Euro.
Noch viel erstaunlicher ist die Tatsache, dass Petra nur 10 Jahre gespart hat, um das zu erreichen. Er hat früh angefangen. Die Magie des Zinseszinses konnte ihre volle Wirkung entfalten.
Martin hatte mehr als dreimal so viel eingezahlt und hat trotzdem am Ende des Tages weniger in der Tasche. Er hat es bis zum Rentenalter nicht mehr aufgeholt. Selbst wenn er weitermacht – er würde Petra erst mit 85 Jahren einholen. Das ist die Macht des frühen Starts.
Hättest du das erwartet? Es ist eine Sache, sich die Macht des Zinseszinses vorzustellen und zu glauben, man versteht sie. Und dann schaue ich mir diese Zahlen an – und es verschlägt mir die Sprache. Genau deshalb habe ich dem Zinseszins ein eigenes Kapitel gegeben. Erst, wenn du die Auswirkungen des Zinseszinses einmal richtig durchdrungen hast, verstehst du auch die Notwendigkeit von langfristigen Investitionen in Anlagen mit hoher Rendite für deinen persönlichen Vermögensaufbau (*).
Und noch ein kleiner Tipp dazu: Die 72er-Regel hilft dir, den Zinseszins im Kopf zu verstehen . Teile 72 durch deine Rendite – und du weißt, in wie vielen Jahren sich dein Geld verdoppelt. Bei 7% Rendite sind das etwa 10 Jahre. Das ist eine einfache, aber wirkungsvolle Regel, die dir immer wieder zeigt, wie mächtig die Zeit ist.
ZIEL: Lieber Petra als Martin sein
Beim Zinseszins gibt es zwei wichtige Variablen:
- Zeit: Je früher du anfängst, desto stärker kann der Zinseszins wirken.
- Zins (oder Rendite): Je höher die Rendite, desto stärker der Zinseszinseffekt.
Die beste Zeit, mit dem Sparen und Investieren anzufangen, war vor 10 Jahren. Wenn das nicht funktioniert, dann starte einfach heute. Lass dabei dein Geld möglichst hart für dich arbeiten, indem du es in Anlagen mit hoher Rendite investierst – wie zum Beispiel einem monatlichen Sparplan für kostengünstige Aktien-ETFs. Sei wie Petra, nicht wie Martin.
Auch ich habe den Zinseszins lange unterschätzt. Die ersten Dividenden von 5 oder 10 Euro machten nicht wirklich den großen Sprung aus. Trotzdem habe ich auch die Dividenden fleißig reinvestiert – Jahr für Jahr, ohne Unterbrechung. Und heute, nach etwa 20 Jahren, reichen allein die jährlichen Dividenden aus, um über einen Monat unserer Lebenshaltungskosten zu decken. Das ist kein Zufall. Das ist der Zinseszins, der für mich arbeitet.
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